Brief an einen unbekannten Freund

Im Schuljahr 2017/2018 fand wöchentlich das Seminar “Let’s talk about our interests” mit geflüchteten Jugendlichen statt, welches ARBEIT UND LEBEN Bremen in Kooperation mit dem Technischen Bildungszentrum und dem Jugendhaus am Hulsberg des Bundes deutscher Pfadfinder durchgeführt hat. Der nachfolgende “Brief an einen unbekannten Freund” ist im Laufe der gemeinsamen Sitzungen entstanden.

Hallo mein Freund!

Wir kennen uns noch nicht, aber wenn Du diesen Brief gelesen hast, wirst Du schon viel über mich erfahren haben. Und wenn wir uns treffen, was mich sehr freuen würde, würde ich gerne erfahren, wer Du bist und welche Geschichte Du zu erzählen hast. Wenn Du noch neu in Deutschland bist, sollst Du wissen, dass Du nicht allein bist, denn das wird Dir hoffentlich klar, wenn Du diesen Brief liest. Damit Du und die Menschen, die hier leben, wissen können, wer ich bin und warum wir hier sind, habe ich diesen Brief geschrieben.

Ich komme aus vielen Ländern. Einige davon sind Afghanistan, Syrien, Gambia, Ghana, Ginea, Libanon, Eritrea, Albanien. Ich besuche zur Zeit einen Sprachkurs an einer Schule, die junge Menschen für technische Berufe ausbildet.

Ich möchte später mal als Elektriker oder KFZ Mechaniker arbeiten. Vielleicht werde ich auch Maler, Tischler, Glaser oder Gärtner. Wie Du siehst bin ich noch dabei herauszufinden, welchen Beruf oder welche Ausbildung ich später einmal machen will. Möglicherweise schaffe ich es ja auch so gut Deutsch zu lernen, dass ich mein Abitur oder Fachabitur absolvieren kann, um später zu studieren. Ich möchte später gern unabhängig mein eigenes Geld verdienen. Ich wünsche mir eine eigene Familie, Freunde und Bekannte. Das würde mir dabei helfen, das Gefühl zu haben hier zu Hause zu sein.

Abgesehen von den verschiedenen Religionen denen ich angehöre – zum Beispiel methodistische, orthodox-christliche und verschiedene muslimische Religionen -, spreche ich ca. 20 Sprachen z.B. Farsi, Mandinka, Fula, Tigrinya, Kurdisch, Dari, Pashtu, Bene, Fante, Wallof, Arabisch, Albanisch und natürlich die Kolonialsprachen Englisch, Französisch und Italienisch.

Ich habe Eltern oder Geschwister in meinen Heimatländern zurückgelassen. Ich habe durch Krieg, Krankheit und politische Verfolgung Familienmitglieder, Freunde und Bekannte verloren. Ich habe Dinge gesehen und erlebt, die sich viele Menschen, die hier leben, nicht mal vorstellen können.

Trotzdem gehe ich klettern, ich treibe Sport und lerne schwimmen, mache Musik (z.B. Percussion, Krar, Gitarre) und treffe mich mit Freunden. Wir gehen feiern und tanzen. Ich lerne gerne neue Leute kennen.

Die verwirrenden politischen und sozialen Zusammenhänge, die zu meiner Flucht und meiner aktuellen Situation führten, verstehe ich oft selbst nur bruchstückhaft oder gar nicht. Einiges von dem, was ich darüber weiß und selbst erlebt habe, habe ich hier aufgeschrieben.

In Eritrea z.B. kann man seine Meinung nicht frei sagen ohne Angst haben zu müssen, dafür ins Gefängnis zu kommen. Männer und Frauen zwischen 16 -50 Jahren können jederzeit zum Militär eingezogen werden. Viele Wehrdienstleistende werden nicht nur in militärischen Aufgabengebieten eingesetzt, sondern werden dafür missbraucht Zwangsarbeiten – wie z.B. landwirtschaftliche Tätigkeiten oder Bauarbeiten – ohne Bezahlung auszuführen. Wer das verweigert, dem droht eine Gefängnisstrafe unter grausamen, oftmals tödlichen Bedingungen.

In Afghanistan werden viele Kinder zwischen 8-15 Jahren von den Taliban verschleppt, um sie für ihre radikalen Zwecke zu erziehen und zu missbrauchen. Wer nicht „belehrbar“ ist, wird gefoltert oder getötet. Die Polizei vor Ort ist korrupt, schlecht organisiert und machtlos. Sie ist nicht in der Lage diese Kinder oder die anderen Menschen vor der brutalen Willkür der Taliban zu schützen. Auch die Regierung und das Militär konnten bislang an dieser Situation nichts ändern. Sie sind machtlos oder werden selbst von den Taliban kontrolliert.

Junge Menschen im Libanon werden von der schiitischen Partei/Miliz Hisbollah gezwungen, das Assad Regime in Syrien als Soldaten zu unterstützen. Wenn man das verweigert, besteht das Risiko, dass die Familie ihren sozialen Status verliert. Sie wird unter Druck gesetzt und es wird ihr Gewalt angedroht, um sie zu zwingen oder zu bestrafen. In vielen Ländern sind vor allem die jungen Menschen noch wirtschaftlich und sozial von ihren Familien abhängig, weil es keinen Sozialstaat wie hier in Deutschland gibt. Das hat zur Folge, dass, falls Eltern und Großeltern gestorben sind, weitere Verwandte die Verantwortung übernehmen müssen, obwohl sie das nicht gerne tun.

Aus meiner Familie haben einige in Deutschland studiert und arbeiten inzwischen hier.

Sie haben neue Freunde und nette Nachbarn gefunden und werden hier in Deutschland leben.

Da Du selbst aus einem entfernten Land kommst, kannst Du dir bestimmt vorstellen, wie schwer es war und was es gekostet hat, herzukommen. Du weißt also, dass man dafür zwischen 3000 – 6000 € benötigt. Ich bekam das Geld von meiner Familie, von Bekannten oder Geldverleihern, an die ich es teilweise noch zurückzahlen muss. Von Barentu in Eritrea nach Bremen sind es ca. 10.000 km. Von Kabul in Afghanistan ist der kürzeste Weg nach Bremen 7000 km, von Ghana weit mehr als 8000 km und so weiter.  Wir sind zu Fuß, mit LKW, mit dem Zug, mit dem Schiff und per Anhalter hier her gekommen. Für den Weg brauchten wir 15 Tage, mehrere Monate oder sogar Jahre.

Auf meiner Reise habe ich viel gesehen und erlebt. Ich musste mit ansehen, wie Menschen anderen Menschen wehtun, sie verletzen, verraten oder töten. Aber ich habe auch gesehen und selbst erlebt, wie Menschen einander in der Not geholfen haben.

Da ich ohne Papiere unterwegs war, keine Einreisegenehmigung hatte oder einfach der Willkür der Polizei und Milizen ausgesetzt war, musste ich unterwegs im Gefängnis sitzen und dafür bezahlen, um wieder frei zu kommen.

Auf der Reise aus Syrien hierher habe ich erlebt, wie bewaffnete Milizionäre in der Sahara unseren LKW gestoppt haben. Alle mussten aussteigen: Frauen auf die eine, Männer auf die andere Seite. Alle mussten sich dann auf den Boden legen. Die Männer wurden brutal mit Gummiknüppeln geschlagen, die Frauen entführt und vergewaltigt. Ein paar Männer aus unserer Gruppe konnten die Milizionäre überwältigen und entwaffnen. Wir konnten dann fliehen, sonst hätten wir vielleicht nicht überlebt. Die von der Miliz getöteten Frauen und Männer haben wir dort in der Wüste vergraben.

Eine andere Geschichte habe ich auf dem Weg von Afghanistan nach Deutschland erlebt.

Wir waren eine Gruppe von 50 Personen – Familien, Kinder, Männer und Frauen. An der Grenze von Bulgarien nach Rumänien haben bewaffnete Milizen unsere Gruppe nachts überfallen. Die Menschen sind in der Panik in alle Richtungen geflohen. Dabei wurde ein ca.5 Jahre alter Junge von seinen Eltern getrennt. Also haben wir das Kind getragen, weil es vor Schwäche nicht mehr laufen konnte. Wir haben es getröstet, ihm Geschichten erzählt, und es mit Gras gefüttert, weil wir nichts zu essen hatten. Wegen der Gefahr entdeckt zu werden, mussten wir ihm oft den Mund zu halten, damit niemand das Weinen hört. Dass wir zwei Wochen später die Eltern des Kindes wieder getroffen haben und es nun wieder mit seiner Familie leben kann, kommt wahrscheinlich nicht oft vor. Viele überleben die „Reise“ nicht. Ich hoffe, dass dieses Kind und seine Familie einen Platz gefunden haben, an dem sie glücklich sein können.

Manchmal hatte ich Glück und konnte mit dem Flugzeug kommen. Nicht in allen Ländern, aus denen Menschen wie ich flüchten, herrschen Krieg und offener Terror. Oft sind auch soziale Armut, politische Verfolgung oder die Hoffnung auf bessere Bildungschancen der Grund für meine Flucht.

Und da sind noch andere Dinge, die ich erlebt habe. Darüber möchte ich im Moment nicht sprechen, da ich erst einmal all meine Kraft brauche, um hier klar zu kommen und meinen Platz zu finden. Hoffentlich gibt es irgendwann eine Zeit, in der ich die Vergangenheit verarbeiten und mit ihr abschließen kann.

In der ersten Zeit in Deutschland konnte ich die Sprache nicht. Ich konnte nicht einmal sagen, wie ich heiße. Ich wusste nicht, wie das Wort für Fahrschein heißt, also dachte der Fahrkartenkontrolleur, dass ich schwarzfahren wollte. Ich fühlte mich, als wäre ich dumm, weil ich nichts von dem verstand, was die Leute zu mir sagten und ich bei allem fremde Hilfe brauchte.

An meinem ersten Tag in Deutschland war ich auf einem Bahnhof im Süden des Landes. Ich wollte nach Bremen fahren und Landsleute von mir – die mich am Bahnhof ansprachen -sagten mir, dass sie mir helfen und für 200 € eine Fahrkarte nach Bremen kaufen würden. Ich dachte nicht, dass diese Leute Betrüger sein könnten und gab ihnen das Geld. Das Geld und diese Menschen habe ich nie wieder gesehen.

Viele Menschen haben mir hier schon geholfen und das Gefühl gegeben, dass ich willkommen bin. Einige von uns dachten, alle Deutschen seien Rassisten, was sich im Nachhinein als falsch erwiesen hat. Es gibt Menschen, die uns nicht hier haben wollen, aber viele denken nicht so. Auf den ersten Blick wirkten die Deutschen auf mich oft unterkühlt, distanziert und interessenlos. Aber wenn man sie kennenlernt, versteht man, dass nicht alle so sind. Bevor ich herkam, dachte ich, alle Deutschen sind über 1,80 m groß, blond, haben blaue Augen und spielen Fußball. Jetzt weiß ich, dass Menschen aus der ganzen Welt in Deutschland leben und auch die Deutschen selbst unterschiedlich aussehen und denken. Ich hatte es mir leichter vorgestellt, die deutsche Sprache zu lernen. Aber da so viele Menschen es vor mir geschafft haben, bleibe ich dran und gebe nicht auf.

In der Straßenbahn fragte mich eine Frau nach der Uhrzeit. Ich wollte nicht unhöflich sein und versuchte zu sagen, dass ich noch nicht so gut deutsch kann. Als Antwort sagte ich: „Tschuldigung, meine deutsch ist krank“, was die Frau etwas verwirrte. Heute erzähle ich diese Geschichte und muss darüber lachen.
Mit dem Zug auf dem Weg von Aachen nach Bremen, musste ich in Osnabrück aussteigen, weil ich keine Fahrkarte hatte. Es war nachts um 00:00 Uhr und der nächste Zug fuhr erst am nächsten Morgen. Während ich darüber nachdachte, wo und wie ich die Nacht verbringen sollte, kam ein junger Mann, fragte was mit mir los sei und bot mir an, bei ihm zu übernachten. Zuerst war ich skeptisch, ob ich mitgehen sollte, aber ich hatte einfach keine bessere Idee. Der Mann gab mir zu essen, ich konnte dort schlafen und am nächsten Morgen hat er mich zum Bahnhof gefahren. Danke dafür!!! Abgesehen von einem warmen Platz zu schlafen, war es gut zu merken, dass man nicht ganz allein hier ist und die Menschen einem helfen.
Neben den Menschen haben mir ganz unterschiedliche Sachen geholfen, schon ein wenig hier anzukommen. Zum Beispiel ein Fahrrad, mit dem ich regelmäßig zur Schule fahren kann. Am Wichtigsten ist aber, dass du jede Chance nutzen solltest, um schnell die Sprache zu lernen. Nicht nur in der Schule kann man Deutsch lernen. Du solltest jede Gelegenheit nutzen, um Deutsch zu sprechen und keine Angst haben etwas Falsches zu sagen. Nette Menschen verstehen, dass du einfach nur die Sprache lernen willst und nicht dumm bist.

Ich habe an einem Projekt teilgenommen, in dem wir neben vielen gemeinsamen Spielen und gemeinsamen Aktionen eine Woche lang Zeit hatten, uns darüber Gedanken zu machen, wie wir in der Zukunft in Deutschland miteinander zusammen leben wollen. Dabei war ich eine Woche lang mit 17 jungen Leuten zum Thema „Wir und Die? Zusammen –Leben – Gestalten“ unterwegs. Einige, die wie ich erst seit 1 bis 2 Jahren hier sind, und deutsche Jugendliche, die hier geboren und aufgewachsen sind. Wir haben festgestellt, wie wenig wir voneinander wissen und uns alle gewünscht, mehr Zeit miteinander zu verbringen, um uns besser kennenzulernen und um voneinander zu lernen. Wir sind einstimmig zu dem Schluss gekommen, dass eine gemeinsame Zukunft nur möglich sein wird, wenn wir mehr von- und übereinander erfahren. Denn nur so können wir Vorurteile, falsche Vorstellungen von einander und Ängste vor Unbekanntem abbauen. Wir würden gerne voneinander lernen, um zu erkennen, welche Stärken wir haben. Dann könnten wir gemeinsam stark sein.

Diese Woche hat mir geholfen wieder ein kleines bisschen mehr hier anzukommen.

Ich hoffe, du kommst gut hier an und triffst viele hilfsbereite Menschen, die Dir helfen auf eigenen Beinen zu stehen. Ich wünsche Dir, dass du deine Stärken erkennst und in einer gemeinsamen Zukunft entfalten kannst.

Dabei wünsche ich Dir

VIEL GLÜCK!

Dein Freund,

Freydun, Dejen, Alah, Amin, Brhane, Pasarjo, Stephen, Abdulaye, Lamin und Andy

Das Seminar wurde von den Teamern René Eichhorn (0176 238 75 888) und Sunny Omwenyeke geleitet und von Grete Schläger als verantwortliche Bildungsreferentin bei Arbeit und Leben Bremen begleitet. Für Rückfragen steht Grete Schläger gerne zur Verfügung (g.schlaeger@aulbremen.de, 0421-9608912).